Literaturquiz
auch LIQUI benamst,
nebst höchst curiösen vnnd ergetzlichen
item gar lehr- vnnd hülffreychen
Dar- wie auch Hanndreychungen
zur Lösung des selbigen
etc.etc.
p.p.
„Teuerster, Liebwerter, was ist denn mit dem nächsten Literaturquiz? Zu gerne möchten wir uns wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben lassen.“ Dutzende solch freundlicher Aufforderungen erreichen mich zu Hunderten – und das kann ich einfach nicht unbeantwortet lassen. Hier also das neue LIQUI !
Zunächst aber, wie immer, die Spielregeln:
Mitmachen können alle mit Ausnahme der Mitglieder des Literaturkreises sowie deren Angehörigen nebst Lebensabschnittsgefährten/tinnen (oder so ähnlich). Einsendeschluss ist der 15. Mai 2007! Lösungen bitte an literaturquiz@abendaktiv-verein.de senden. Es winkt ein wertvoller (?????) Preis!
Vorwärts denn nun also! Und schon zögere ich, denn das ist leichter gefordert als getan. Wen auswählen? Die Lösung: Nicht zu leicht, nicht zu schwer! Kein/e „Lieblingsautor/in unseres Deutschlehrers“, denn der/die wäre ja schnell geraten. Soll alles bereits vorgekommen sein. Und: Politisch korrekt muss des Rätsels Lösung schon sein! Siehssu! Ein erster Anhaltspunkt wäre gefunden! Diesmal darf es mithin kein Mann, sondern erstmals – jawohl! Tusch! – eine Autorin und einer ihrer Romane sein.
Aber alsobald senkt sich die Kulimine rsp. bleibt die Tastatur unbearbeitet. Wen auswählen? Erstlich: Gibt es überhaupt „schreibende Frauen“? Item: Muss es eine frauenbewegte Frau sein? Aber in die Richtung kann es schon gehen – oder auch nicht.
Die Autorin, die ich meine, wurde gerne – zu frauenbewegten Zeiten, aallerdings auch noch heute – von der lila Fraktion vereinnahmt, wogegen sie sich jedoch gewehrt hat. Immerhin, das Thema ist bei X stets präsent. So freut sich die Titelheldin des gesuchten Romans über einen Satz aus Marx’ Briefen an Kugelmann („Who the ... is Kugelmann?“), denn sie – eine Französin – „lernt Deutsch und Marx“: „Der gesellschaftliche Fortschritt lässt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts.“ Die Ironie: Der Satz aus der Feder dieses Mannes!
Apropos Ironie: Besagter Roman hebt an mit der Charakterisierung des Landes, in dem sich ein großer Teil der Ereignisse begibt: „Natürlich ist das ein Ort des Wunderbaren.“ (Riesenhinweis: An diesem Ort lebte auch unsere Autorin!) Der Satz wird etliche Male leitmotivisch auf den folgenden ca. 700 Seiten wiederholt. Und was das so konkret heißt, erfährt die Heldin noch in Frankreich: „Bei uns übt die Arbeiterklasse unter Führung ihrer marxistisch-leninistischen Partei im Bündnis mit der Bauernschaft sowie den anderen Werktätigen die Staatsmacht ... Es existiert die Gleichberechtigung der Bürger aller Rassen und Nationalitäten, die Gleichberechtigung von Frau und Mann auf allen ... Die kollektiven Grundlagen des Lebens ...“ Blablá, blablablá, blablá, drei eng bedruckte Seiten lang. Einfach das dumme Zeug der Staats- und Parteiführung zitieren, darüber konnten damals die Insassen des „gelobten Landes“ herzlich lachen. (Übrigens, und wieder ein Riesenhinweis: Das „gelobte Land“ existiert heute nicht mehr. Schade eigentlich.)
Das also war die Sklavensprache, wie frau/man sie im Vater(!)land der Autorin beherrschen musste, sonst fanden sich Frau und Mann schnell im Gewahrsam der Organe wieder, nachdem sie zugeführt worden waren. Einer der Helden des Romans hat diese Sprache derart verinnerlicht, dass seine Liebeserklärung an die Titelheldin so ausfällt: „Noch vor Mitternacht bezeichnete er X als optimale Frau seines Lebens.“
Aber auch das ist Sklavensprache: Wenn frau von der Zensur beengt wird, weicht sie klüglich in utopische Welten aus. Die Romanheldin ist zwar Französin, kommt aber – aus der Sicht moderner Menschen – von einem anderen Stern, will sagen: aus einer anderen Zeit, und betrachtet alles, was ihr widerfährt, mit dem fremden Blick einer adligen Frau aus dem Mittelalter, die sich der Dicht- und Gesangskunst verschrieben hat. Die Zustände im „gelobten Land“, die alle Phantasie abtöten, werden in mal heiterer, mal ironischer, mal sarkastischer Weise vorgeführt.
Wenn unsere Heldin die Grenze zum „gelobten Land“ überschreitet, ist das der Autorin ein ganzes Kapitel wert, in dem u.a. zu lesen ist:
„Sie reihte sich ein in die Schlange derer, die auf Abfertigung warteten. Um ihnen die Zeit zu vertreiben, sang sie das schöne provenzalische Lied ‚Ad un fin aman fon datz’. (...)
Einem Liebsten, wohlgetan,
wies der Dame Huldgeheiß
..........Ort und Zeit der Freude an.
Abends winkte ihm der Preis.
Taglang schritt er sorgenschwer,
und er sprach und seufzte bang:
Tag, wie dehnst du dich so lang!
O Not!
Nacht, dein Zögern ist mein Tod!
Die Wartenden musterten X betreten. (...) Dann langte sie durch den Spalt des Paßschalters, ergriff (...) die Hand des Polizisten, die nach ihren Papieren hatte greifen wollen, (...) und gratulierte zur Befreiung. Der erschreckte Polizist dankte mit dem Hinweis, dass der Tag der Befreiung am 8.Mai begangen würde. (...)“
Jedoch auch die Form des Romans sprengt die Grenzen aller Lesekonventionen. Er ist nämlich in dreizehn Bücher und „sieben Intermezzos“ gegliedert, wobei die Intermezzi einen früher entstandenen, von den Organen verbotenen Roman in Auszügen enthalten. Ein kontinuierlicher, „ungestörter“ Lesefluss ist nicht möglich, da immer wieder Gedichte, Zeitungsmeldungen, zeitgeschichtliche Dokumente, Reisebeschreibungen, Träume, Legenden usw. usf. eingestreut sind – und dennoch kann der Roman mit Spannung und Vergnügen gelesen werden. (Schließlich bedeutet der Name der Titelheldin: „die Glückbringende“.)
Im Roman wird eben diese seltsame Form reflektiert: „Die orthodoxe Romanform verlangt Festhalten an einer Konzeption über mehrere Jahre. Das kann angesichts heftiger politischer Bewegungen in der Welt und einer ungeheuerlichen Informationsflut heute nur trägen oder sturen Naturen gelingen. (...) Kurze Prosa gibt den Ausschnitt, das Detail. Genau. Genauigkeit des Details wiegt schwerer als Kolossalität, wenn sie verwaschen ist.“
Was lässt sich nun über die Autorin als Person sagen? Geboren wurde sie in einem finsteren Jahr, gestorben ist sie – leider! – viel zu früh. Auf Fotos blickt sie uns neugierig--forschend aus lebenszugewandten Augen entgegen. Ihre ersten Erzählungen hat sie später verworfen, da diese ihr jetzt zu staatsnah waren. Und so hatte sie bald Gelegenheit, die Zensurbehörden ihres Landes kennen zu lernen. Gleichwohl: Anders als andere Menschen ihres Landes durfte sie ins feindliche Ausland reisen, dort Vorträge halten und lehren.
Wer war’s? Wie heißt der Roman?